Rocking Marokko – die Reisereportage

ROCKING MOROCCO – EIN ABENTEUERTRIPP FÜR FAMILIEN

Plötzlich Casablanca! Es ist noch früh am Morgen, aber schon richtig warm, im Bus rauscht die Klimaanlage. Ich denke, die sehen doch alle ganz nett aus, unsere Mitreisenden, irgendwie vertraut. Aus Stuttgart, aus Magdeburg, Niedersachsen, Thüringen oder NRW. Die fremde Welt ist draußen und wir werden sie gemeinsam besuchen. Das ist der Plan, sagt meine Tochter. Wir haben zum ersten Mal eine Gruppenreise gebucht. Eine Marokko Rundreise mit Kindern. Ein bisschen hatte ich mich gefürchtet vor den zwei Wochen mit Fremden in einem mir noch fremderen Land. Meine Tochter aber flüstert mir gerade mit Seitenblick auf die anderen Kinder zu: „Das wird richtig cool hier.“ Kinder sind toll.


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Veröffentlichung im Familienmagazin LUNA Nr. 64
Text & Fotos: Doro Gottwald, Rainer Gottwald

 


Achtung Kamelwechsel!

 

Es geht los. Adrian, der deutsche Reisebegleiter, und Hassan, unser Busfahrer und Dolmetscher, zeigen uns die Königstädte Rabat und Fes. Jede allein schon eine Reise wert. Königspaläste, Medersas, Souks, hunderte brütende Störche in antiken Ruinen und in Fes die größte mittelalterliche Medina der Welt. Da riecht es intensiv nach Gewürzen und Kräutern, irgendwo qualmt immer etwas, wird gegrillt, geschmiedet oder gefärbt. Manchmal stinkt es so penetrant, dass ich die Luft anhalten muss. Menschen, Tiere, knatternde Mopeds, Eselskarren, wild gemusterte Teppiche, knallbunte marokkanische Schlappschuhe, Getöpfertes, Gegerbtes und Gewebtes: ein Eldorado der Handwerkskünste. Dazu tönen immer wieder die Lautsprecher der Muezzine, die alle gleichzeitig zum Gebet rufen. Das fette Klischee des Orients, in Wirklichkeit aber viel besser. Die totale Reizüberflutung aus 1001 Nacht. Ich stehe unter akutem Fotostress, egal wohin ich schaue. Den anderen geht’s genauso. Die Medina ist ein Mega-Labyrinth zum tagelangen Verlaufen.

 

Auf den Dachterassen über der Altstadt kann man toll essen und ausruhen. Unterm Deckel meiner Tajine dampft ein Poularden-Couscous mit Salzzitronen, ich hoffe, gut durchgegart. Schmeckt köstlich. Die Kinder freuen sich über Brochettes, Grillspieße, die es bei uns so nur auf dem Mittelaltermarkt gibt. Wir sind in bester Laune und in aufgekratzter Hochstimmung. So kommen wir uns näher, und gleichzeitig immer weiter.

Der Bus ist bequem und bietet reichlich Platz, die Hotels mit Mosaiken und Brunnen haben viel orientalisches Flair. Nach der Ankunft sind die Kinder innerhalb Sekunden mit Badesachen unterwegs auf der Suche nach dem erfrischenden Pool. Fast immer erfolgreich.

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Achtung Kamelwechsel!

Unsere Reise führt weiter über die Hochebenen östlich des Atlasgebirges. Dörfer und Kasbahs aus Lehm beleben mit Nomadenzelten und Schafherden die karge Landschaft. In dieser ausgedörrten Gegend erleben wir das unfassbare Wunder einer sattgrünen Oase in der Steinwüste, picknicken im Schatten von Dattelpalmen, tanzen und witzeln mit Hamid, dem Gastgeber und übernachten traumhaft in seinem zum Oasenhotel umgebauten Haus. In Erfoud lassen wir den Bus stehen und düsen mit Jeeps in die Sahara, um dort drei Tage in Wüstenzelten zu wohnen. Die Kinder rasten aus, als sie die Sanddünen hinunterrollen. Wir Erwachsenen sind sprachlos angesichts der Weite aus saharagelb und himmelblau. Wieder tanzen wir, diesmal zusammen mit unseren Kindern, am Feuer und zur Musik der Berber unterm Sternenzelt des Wüstenhimmels.

Ich träume, ich schwebe schaukelnd hoch über ein leuchtendes Meer von Sand. Irgendwie sitze ich auf etwas sehr filzigem und es geht aufwärts, höher und höher, der Sonne entgegen. Da ruft meine Tochter. Ich träume gar nicht. Ich sitze auf einem freundlichen Dromedar und werde zusammen mit meiner Familie und einem Teil der Gruppe auf die über 150 Meter hohe große Düne des Erg Chebbi getragen, damit wir von dort den Sonnenuntergang geniessen. Unvergesslich. Die Taschen voller Sand – beide Lesebrillen davon total zerkratzt – würden wir auch länger bleiben. Ich mag die Wüste. Sie macht es so einfach zu spüren, wie großartig es ist, am Leben zu sein.

Danach in Marrakesch der Gegensatz: Die rote Stadt ist laut und voll. Skateboardfahrer hängen sich an Busse, ein Gedränge von verbeulten Taxis, Motorrollern und Eselskarren, keiner zu stoppen, erst recht nicht von roten Ampeln. Wie auf dem weltberühmten Platz Djemaa el Fna, der ein einziges großes ohrenbetäubendes orientalisches Spektakel ist. Mehr Stimmung geht nicht. Die Kinder staunen mit offenen Mündern, Ohren und Augen über die Musiker, Tänzer und Schlangenbeschwörer. Ich frage mich, warum soviel Krach, Gestank und Gedränge Glücksgefühle bei mir auslösen? Nachher im Hotel wird mir der Kopf dröhnen wie früher nach einem zu lauten Discobesuch. Erholung finden wir wieder auf den Dachterrassen der Cafés mit heißem süßen Minztee. Oder in einem der Parks, wie dem Jardin Majorelle, der zu den schönsten Gärten der Welt gezählt wird. Yves Saint Laurent wohnte hier. Seine Asche düngt den Rosengarten. Nach drei Tagen sagen wir Marrakesch „Adieu“ und „Salaam“. Ich kann auch nicht mehr.

Alle freuen sich auf Essaouira. Entspannung ist angesagt, denn Essaouira ist „Marokko light“. Hier sind schon viele Künstler und Hippies ausgeflippt und haben den Fischerort am Atlantik berühmt gemacht. Die Lieblingsfarbe der Einwohner ist Kobaltblau zu weiß verputzten Häusern. Den Strand mit Beach Club, Kitesurfern und Quads könnte man so auch am Mittelmeer finden, wenn die Kamele dazwischen nicht wären. Das Wasser in der flachen Bucht ist genial und lädt zum Planschen und Wellenbaden ein. Im sternereichen Hotel gibt es ein marokkanisches Frühstück der Superlative.

Marokko hat uns beeindruckt mit seinen faszinierenden Städten, mit den Tagen und Nächten in der Wüste wie auf einem anderen Planeten, und mit den hier sehr echten Menschen und ihrer Musik, den Farben, den Gerüchen und Düften. Auf der schönen Küstenstraße genießen wir die letzten Kilometer unserer Rundreise, mit dem Gefühl, viel von diesem Land im Herzen mit nach Hause zu nehmen. Auf der ganzen Reise hat keiner gejammert. Keine Fahrt war zu lang, keinen Moment war’s langweilig. Und die Gruppe? Ein echter Glücksfall. Ist das immer so? Beim Abschied gibt es echte Tränen. Wie meinte unsere Tochter? Afrika ist cool?

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Marokko Reisereportage für das Familienmagazin LUNA, No. 64